2008 veröffentlichte der Hamburger Verlag Philo Fine Arts ausgewählte Aufsätze von Diedrich Diederichsen; Poptheoretiker und seit 2006 Lehrender an der Akademie für bildende Künste in Wien. Die von dem Autor unter dem Titel Kritik des Auges. Texte zur Kunst versammelten Schriften der vorangegangenen neun Jahre verfolgen eigenen Ansichten nach drei zentrale Fragestellungen, welche in dem Buch rückblickend als quasi „monomanische“ Absichten freigelegt wurden. Eine dieser Fragestellungen, beziehungsweise Kritiken wendet sich mit dem Ansatz einer „Idee einer psychedelischen Kritik“, im Sinne der Kulturwissenschaft gegen eine kanonisierte Kunstgeschichte . Diederichsen beschäftigt sich in den Texten „Im Nebenzimmer. Der Drogentext“; „Psychedelische Begabung. Minimalismus und Pop“; Das Primäre: Politische und antipolitische Gemeinsamkeiten von Minimal Music und Minimal Art“ und in dem Leittext „Kritik des Auges“ mit einer psychedelischen Freilegung und Dekontextualisierung von Erfahrungsmodi und Wahrnehmungsgegenständen – anders gesagt interessiert er sich für das Verhältnis der Erörterung von Wahrnehmung von Klang und Raum zwischen den klassischen Künsten zu dem der populären Bewegungen – sprich der 60er Jahre Bewegung in Amerika. Dabei verweist er auf einen engen Zusammenhang zwischen den Absichten der Künste der damaligen Zeit und jener der Populärkultur – beide Bewegungen, jene der Minimal Art, oder jene der Dream Music interessieren sich für Wahrnehmungsprozesse – auf die Nähe zu Timothy Leary und Psychedelica wird hier ernsthaft verwiesen. Entgegen der kanonisierten Kunstgeschichte, welche die Kunst der Zeit, die Minimal Art als auch deren weitere Entwicklung des Minimalismus als Erbe des abstrakten Expressionismus verstehen will, aber auch als Kritik der geläufigen Kunstpraktiken Amerikas will Diederichsen diese Form der Kritik der Künste an jene der amerikanischen Populärkultur der 1960 Jahr gekoppelt verstehen – um so die Strömung der Minimal Art vor allem aber auch der Minimal Music aber auch der ästhetischenen Praktiken des Minimalismus in ihrem gesamten Kulturphänomen bis heute begreifbarer zu machen. „Welche Wandlungen hat ein Minimalismus-Begriff durchlaufen, der sich von La MonteYoung über Philip Glass bis zu Electronica zieht und die Kunst von Frank Stella einschliesst?” Dabei wird dem Leser schnell deutlich gemacht, dass kulturgeschichtlich das Phänomen Minimalismus ohne das sich parallel entwickelnde Phänomen des Pop nur bedingt verstanden werden kann. Beide Phänomene entwickeln sich zeitgleich bis heute zu einem alltäglichen Phänomen.
In der Folge sollen nur noch vereinzelt die oben genannten Texte inhaltlich wieder gegeben werden. Vielmehr ist es hier Ziel als Lesehilfe eine Vertonung und Verbildlichung des Geschriebenen zu vermitteln um so den Text für interessierte Leser zu begleiten. Dabei werden nur einige wenige Aspekte aus dem Text herausgelöst und so nicht in ihrem Zusammenhang präsentiert.
Psychedelische Begabungen – Minimalismus und Pop
Wird der Leser vorerst darauf aufmerksam gemacht dass der Begriff Minimalismus zu einem „Buzz- oder Key-Word“ geworden ist und so alle möglichen Zwecke erfülle, so möchte der Autor im folgenden einzelne Stationen auf dem Weg der Geschichte von der Minimal Art der 60er Jahre bis zu dem Minimal Techno unserer Zeit benennen um so das Phänomen bewerten zu können. Einer dieser ersten Stationen (im Verhältnis von Minimalimus und Pop) sei benannt mit dem Aufkommen der Langspielplatte, im angloamerikanischen Raum „Album“ genannt, zu deutsch „LP“. Mit dem Wachstum des Schallplattenmarkts und der Entstehung einer Musikkultur galt es auch die nun vergrösserte Fläche zu gestalten – Das Schallplattencover.
„Die Gestaltung des Plattencovers wurde in den sechziger Jahren zu einer bedeutsamen visuellen Aufgabe, die, wie die Pop Art, ebenso neu wie weltlich und drastisch war. Doch wenn man das Wesentliche aus dem was doch nur Hülle war, ja aus dem Schutzumschlag hervorzog, die Schallplatte nämlich, hatte man ein Kunstwerk einer anderen Gattung in der Hand, eine minimalistische Skulptur. Die Schallplatte und ihre interne Organisation von populären, bunten, werbenden Bildern und stummer, schwarzer, massenproduzierter, aber dennoch auratischer Hauptsache sprachen allegorisch vom Verhältnis von Minimalismus und Pop Art und von ihrer geheimen oder in Vergessenheit geratenen Verbindungslinien.
The Velvet Underground & Nico Cover von Andy Warhol 1966
Albert Oehlen Beer is Enough Cover 1985
Jailhouse Indigo Cover von Markus Oehlen 1992
Beatles. The Sgt. Pepper`s Lonley Hearts Club Band Cover von Peter Blake 1967
The Beatles Withe Album Cover von Richard Hamilton 1968
Talking Heads Fear of Music Cover von R. Rauschenberg 1979
SYPH Regentanz Cover von Imi Knoebel 1980
Patti Smith Horses Cover von Robert Mapplethorpe 1975
Sonic Youth Goo Cover von Raimond Pettibon 1990
Sonic Youth Dirty Cover von Mike Kelley 1992
Ornette Coleman Free Jazz Innenseite des LP Covers Jackson Pollock White Heat nach einer Idee Colemans 1961
Beide Phänomene Pop und Minimalismus haben sich von einem avantgardistisch-geprägten Kunstbegriffe her ausgehend bis heute hin zu einem Alltagsbegriff erweitert.
„Heutzutage heisst alles minimalistisch , was sich entweder durch Beschränkung der distinktiven Elemente oder Repetivität oder Einfachheit oder Sparsamkeit, ja Armut auszeichnet – also alles von Arte Povera oder frühen George Herold bis zur Reduktion der Querstreben in neuen Kühlergrills, vor allem aber ganz viel und vor allem ganz unterschiedliche Musik.
La Monte Young. Dream House 1974 Track A
La Monte Young. The well tuned Piano 1/5 ab 1964
Tony Conrad. Outside the Dream Syndicate 1972 From the Side of Man and Womenkind 1/2
Tony Conrad. Outside the Dream Syndicate 1972 From the Side of Man and Womenkind 2/2
Terry Riley. A Rainbow in curved air 1968 1/2
Terry Riley. A Rainbow in curved air 1968 2/2
John Coltrane. Coltrane plays the Blues 1962. Untitled Original
Joy Division. The Sound of Music 1991
Robert Hood. Minimal Nation 1994
Trotz jener musikalischen Tendenzlinie die hier aufgeführt ist will Diederichsen den Begriff Minimalismus nicht auf eine historische Konstante zurückverfolgen. Er koppelt diesen viel mehr an „den Erfolg einer minimalen Ästhetik“ im Politischen und Wirtschaftlichen. Minimalismus im Zusammenhang einer Zen-Kultur als das schlanke, effiziente, stellvertretend für die effiziente und „intelligente Lösung“ der Postmoderne.
„Zum einen steckt der Minimalismus in der Hülle des Pop [Die Schallplatte in dem Schallplattencover]. Wenn man ihn hervorzieht, begibt man sich auf eine strukturelle, abstrakte Ebene, die als „höhere“ bzw. „dahinter“ liegende gedacht ist. Eine umgekehrtes Szenario dieser Hierarchie gibt es laut Diederichsen genauso, wenn das minimalistische, verspiegelte Element als Machtgeberde spricht und eben nicht den „höheren“, „dahinter“ liegenden Kern freilegt sondern die Wahrheit mit ihrer Spiegelung verdeckt. Ein Beisiel könnte hier der drohende Monolithh aus Stanley Kubricks Odyssee 2001 sein.
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