Das Böse in der Gegenwartskunst. Eine Reise in die Hölle der Chapman Brüder

 Eine Reise in die Hölle der Chapman Brüder – vom Jenseits ins Diesseits

Eine Reise in die Hölle der Chapman-Brüder bringt uns zunächst in die Tiefen der Abgründe der Menschen. Während es im christlichen Weltbild, mit all seinen Jenseitsvorstellungen von Himmel und Hölle, noch ein im engeren Sinne Gut und Böse gab, so ist „mit der Verflüchtigung Gottes auch der Teufel in alle Ewigkeit verbannt“.1 In dem atheistischen Weltbild Jake und Dinos Chapmans gibt es keinen Ausschluss des Bösen im Jenseits. Die Hölle ist auf Erden, oder zumindest in jenen Dioramas vereint, die nach einem Brand der ersten Fassung, in noch detailreicherem Forminhalt neu von dem Künstlerduo imaginiert wurde; The Fucking Hell (Abb.1).

Um einen Blick auf das Böse in der Gegenwartskunst zu richten, muss ein Diskurs über den Wandel der Vorstellung über das Böse in der Moderne vorangestellt werden. Galt in der Romantik noch der Glaube daran, der Mensch sei an sich gut, hat die kommunsitisch-marxistisch, philosophische Geschichtsschreibung den Grund allen Übels im sozialen Millieu und der Herkunft des jeweilig Bösen gesucht, so glaubt man heute nach zwei Weltkriegen und zahlreichen Massakern wieder an das wirkliche Böse im Menschen.2 Auch Dinos und Jake Chapman gehören zu jener Generation welche die Massaker von Sabra und Schatila, den Völkermord in Ruanda, die Anschläge islamistischer Terroristen, sowie den Irak Krieg mit all den „embedded journalist“ live auf BBC mitverfolgen konnten. Dennoch sagen sie von sich: „We didn`t see it!“3. Eine Anspielung auf deren Werkgruppe Desasters of War, die im Gegensatz zu den Radierungen Los destrasros de la guerra, Schreckensszenen persönlicher Kriegserlebnisse Francisco de Goyas, für ein nicht Erleben von Krieg stehen. Auch wenn die zwei Briten nicht wie Goya, der auf einer seiner Radierungen verzeichnete „Yo lo veo“, ich habe es gesehen, auf direkte Kriegserfahrungen zurückgreifen, so sind Auswüchse zerstörerischer Gewalt universelles Thema in The Fucking Hell. Dabei nutzen die Chapman Brüder das Medium Miniaturbau um den Betrachter zum Augenzeugen zu machen. Dieser kann geschützt durch das Glas den nötigen Abstand zum Geschehen wahren – ähnlich wie in den täglichen Nachrichten. „Miniaturfiguren ermöglichen die Wiedergabe von Massenszenen, von unzähligen Details und Geschichten und versetzten den Betrachter zugleich in die Position des über den Dingen stehenden „Feldherrn“ und des „Augenzeugen“, der selbst kleinste Nebenschauplätze je nach Interesse betrachten kann.“4 Das von Aussen auf ein Geschehen blicken spielt eine zentrale Rolle in der Arbeit The Fucking Hell. Es kann als zur Schaustellung eines nicht vorhandenen Handlungspotenzials der Gesellschaft gedeutet werden.

Um mit den Worten Rüdiger Safranskis zu sprechen: „Man nimmt Anstoss an dem Skandal des Bedeutungslosen. Der Kontingenz. In einer Gesellschaft in der Gewalt, Endtrophietheorien und ökonomische Ängste vorherrschen, kann das Gespenst des Nihilismus als persönlicher Ausweg gedeutet werden.“5 Genau in jener sinnleer gewordenen Welt, in der alle Handlungen des Menschen gleichgültig zu werden drohen, liegt für Safranski aber auch der Inbegriff des Bösen. So könnten wir überspizt behaupten, die Chapman-Brüder führen einen Mechanismus der Gesellschaft vor, der in seiner Realität mindesten genau so grotesk ist, wie in deren Arbeiten.

 The Fucking Hell – Eine Modellbauhölle

 Für unsere Beschäftigung mit dem Bösen in der Gegenwartskunst ist es sinnvoll sich an dieser stelle ausschliesslich auf die Werkgruppe The Fucking Hell zu konzentrieren. Wenn wir das Böse als moralischen Begriff verstehen, nicht als blosse Formulierung von dem Ungeheuren oder dem Schrecklichen, so werden jene moralischen Werte in den statischen Szenerien von Fucking Hell in ihren gegenwärtigen Brüchen thematisiert und mit politischen, kapitalistischen und religiösen Symbolen aufgeladen. Wurden in anderen Werkgruppen ebenso Themenbereiche erörtert, die an Fragen der intersubjektiven versus der subjektiven Moral anknüpfen, so kann der Blick auf das wirklich Böse in der Kunst der Chapman Brüder doch beispielhaft in jenen Dioramas erforscht werden. „Die saalfüllende Modellbaulandschaft „Hell“ von Jake und Dinos Chapman setzt sich in all ihrem Extremen mit dem allumfassenden Thema der menschlichen Zivilisation, der Normierung von Gut und Böse, auseinander. „Hell“ ist eine abscheuliche Landschaft, welche uns die mystische und religiöse Darstellung des Bösen offenbart. „Hell“ provoziert Emotionen und stiftet Verwirrung.“6

 Erbaut wurden die Dioramas mit Modellbauutenstilen, zusätzlichen Materialen wie Wachs, Fiberglas und Plastik, im Massstab 1/32. „Vergleichbare Eigenschaften, sowie „historische Glaubwürdigkeit“ besitzen die Inszenierungen der Dioramen in Armeemuseen.“7 Wurden die Dioramen in den Kriegsmuseums als „historische“ Schlachtendarstellungen entwickelt, so vermischen jene von Fucking Hell bewusst Geschichte und Gegenwart, Phantasie und Realität und verwischen so den Blick den man durch die Geschichtsbücher und Nachrichten zu besitzen glaubt. Diesen bewusst eingestzen Mechanismus des „kultur Kannibalimus, also die gefrässige Wiederverwendung, das Umarbeiten, Zerstören von kulturellen (Kunst-)Vorlagen“8, ist eine grundlegene Herangehensweise der Chapman Brüder in ihrem künstlerischen Arbeiten und bedarf bezüglich Fragen der Darstellung und der Rezeption eines grundlegenden Verständisses. Der kulturelle Kanibalismus als künsterlische Produktionsweisse kann als eine Form des Remixes verstanden werden. Die Künstler bedienen sich dabei vorangeganener Werkgruppen anderer Künstler, Texten, Symoliken und Allgeorien, transformieren diese frei und präsentieren sie bewusst in einer verzerrten Darstellung von Wirklichkeit.

 Der Mikrokosmos des Bösen – Eine Werkbeschreibung

Neun Dioramaschaukästen (Abb.1), die während der ersten Präsentation am 30.Mai 2008 in der White Chapall Gallery in Form einer Swastika aufgestellt wurden, zeigen in ihrem Inneren eine Modellkriegslandschaft. Um die 20´000 Modellfiguren sind in einem vierjährigen Arbeitsprozess mit Hilfe von Assistenten umgearbeitet und in die Landschaft eingebettet worden. Man blickt auf Schlachtfelder, Massengräber und unzählige Nebenschauplätze und Szenen des Krieges. In der grauen, kargen Kriegslandschaft sind sind die Hauptprotagonisten auf den Schlachfeldern, kleine Modellfiguren. Gekennzeichnet mit dem Hakenkreuz, können viele der Figuren als Deutsche Nationalsozialisten aus der Zeit des dritten Reiches, identifiziert werden. Neben den Figuren der Nationalsozialisten finden sich Halbtote, Mischwesen, und Personifikationen aus Politik und Wissenschaft. Die Figuren wurden dabei einzeln angerfertig und unterscheiden sich in Form und Aussehen. Modellbauutenstilen, Farbe, Lack, Wachs und weitere Materialien dienten den Brüdern als Ausgangspunkt. Eine Kiste voller roter Menschenköpfe und eine andere voller plastik Hühner; ein Teil der Rohmaterialien.9 Auf die Frage was die Schlimmste Arbeit gewsen sei, die Jake Chapman je verrichtete, antwortete dieser: „Superglueing all the little arms on the soldiers on our first Hell sculpture.“10 Die Diversität die durch die manufakturische Arbeit entsteht, ist entscheidend für die Arbeit. Würden die Soldaten den selben Gesichtsausdruck haben, wie diese aus den Spielzeugwarenläden, so würde das Werk kaum jene chapmannsche Wirkung erzielen, wie man es bereits von anderen Werken der Brüder gewohnt ist. Die schmerzverzerrten, von Blut überlaufenen Köpfe, geben dem Horror ein Gesicht. „All Details that have been seized on in the media`s diagnosis of the brothers psychopathology.“11

Auf den verschiedenen Schauplätzen die an Schlachtfelder vergangener Jahrhunderte erinneren, archaische Schauplätze vom Turmbau zu Babel (Abb.2) bis hin zu den Schlachten von Hannibal bis Hensintag (Abb.3), erblicken wir im Detail Greueltaten und deren Folgen. Sexueller Missbrauch, Schändung, Folterung, verstümmelte Genitalien und anderen verstümmelt Körperfragmente, Massengräber und Menschenkadaver. Auf den Schauplätzen die mit ihrer militätrischen Backsteinarchitektur, eingezäumt von Maschendrahtzaun mit ihren Öfen und anrollenden Zügen an die Konzentartionslager des dritten Reiches erinnern (Abb.4), erblicken wir weitere Blutbäder, Genozide und Kannibalimus.

 Nachdem Jay Joplin die 9 Vitrinen erstmals in London ausstellte, wurden im Auftrag der Künstler filmische Aufnahmen gemacht.12 Die Inzenierung des drei minütigen Videos zeigt per Kamerafahrt eine Blick auf mehrere Details. Blätterlose Bäume umgeben von hunderten von aufgespiesten Plastikköpfen, einzeln umherliegende Gliedermassen, die von Schweinen angenagt werden. Wir erblicken vom Pfeil durchbohrte noch lebende Skellette. Auf dem nachmodellierten Hügel steht eine Tempel in römischer Architektur auf dessen Tympanon sich die schwarzen Krähen niedergelassen haben. In einer Kirche wohnen Halbtote einer Taufzeremonie bei. Über dem Taufbecken, dass von Totenköpfen umstellt ist, wird eine Figur mit den Zügen Adolf Hitlers von einer anderen getauft (Abb.5). Es handelt sich also kaum um eine christliche Taufe, und dennoch gehört das Taufbecken mit der dazugehörigen Kirche zu einer eindeutigen christlichen Ikonographie, ebenso wie die Marterkreuze auf Darstellungen des Heilstod Jesus und denn Beginn des Christentums verweisen sollen. „I mean christianity it a fantastic religion, given their starts of from the death of good, it´s almost kind of religion backwards. You know instead of aquaring the notion of faith of heaving a kind of continouss parallel existens with good, it lives a long site. The christians cruzific the son of good and then created a religion. It´s the most nihilisic and phenethological religion that ever exists. I mean it´s a religion that based upon the guilt of a murderer, about guilty murders, christians are guilty murderes. So violence is in the christian thinking.“13 Die Gewlat ist aber auch in den Köpfen von Jake und Dinos Chapman verankert.

Sie haben einen Mikrokosmsos des Bösen geschaffen, in dem sie die Vorstellungen von dem Bösen in einem kreativen Prozess nachgebaut haben. Dass sich in diesen Vorstellungen, reales Kriegsgeschehen, Geschichte, Bilder aus der Kriegsberichterstattung, vorangegangene Schlachtendarstelluneg aber auch das Ungeheure, das Horror- und Splattergenre und all die möglichen Imaginationen über menschliche Abgründe und Perversionen zu einem Bild zusammenfügen lassen, verweist zwar kaum auf einen Wirklichkeitsanspruch, zeigt aber dennoch deutlich wie sich unsere Vorstellung von dem Bösen heute manifestiert. Die Generierung solcher Szenerien durch künsterlische Tradition in Kriegsdarstellungeng als auch durch Beeinflussung neuer Medien, wie die des Internets auf das Werk der Chapman Brüder soll in Folge aufgezeigt werden.

 Von Christen und Nazis, Zombies und anderen düsteren Gestalten – Repetoirfiguren des Bösen

Die Arbeit The Fuckin Hell knüpft an vorangegange Werkgruppen der Chapman Brüder an. Sowohl auf technischer als auch formaler und inhaltlicher Ebene. Man könnte beinhahe behaupten, The Fucking Hell sei ein miniatur Making-Off der vergangenen Schaffensperiode. Ganze Figurengruppen, so das berühmte Great Deeds Against The Dead wurden verkleinert und fanden einen Platz in dem Schaukasten. Die mutierten Körper aus der Werkreihe Zygotic acceleration, Biogenetic de-sublimated libidinal model finden sich in abgeänderter Form wieder. So beispielsweise auf Doktor Morons Insel (Abb.6), wo erneut Stephen Hawkin, Der Übermensch (Abb.7), umgeben von Palmen und Ball spielenden zygotischen Mädchen, in einer modernen Version des Sandrollstuhls verweilt. Stephen Hawkins als der Forscher der schwarzen Löcher kann hier als Stellvertreter für das Ungewisse, das Ungeheure das Nicht-Erfahrbare gelesen werde. Diese Grenzen der Erfahrbarkeit können Ängste evozieren und so Raum für die Imagination des Bösen bieten.

Francisco de Goya

 In Disasters of War (Abb.8) kündigt sich an, was später in The Hell und dann in The Fucking Hell seine Ausmasse annimmt. 1993 übersetzen die Brüder 80 von den 82 Radierungen des gleichnahmigen Zyklus von Franciso de Goya in Miniaturskulpturen. Franciso de Goyas Radierungen Los Desastros de la Guerra dienen nicht nur als Inspirationsquelle für die 1993 entstandenen Miniaturplastiken, sie sind ein zentrales Thema in dem gesamten Oeuvre von Jake und Dinos Chapman. Die Auseinadersetzung mit den Radierungen Goyas bilden eine Konstante im Schaffen von Jake und Dinos Chapman. Die 1810 bis 1814 während der Invasion Napolenos in Spanien entstanden Graphiken stehen für einen schonungslosen Blick des Künstlers auf das reale Kriegsgeschehen. Indem Goya Folterungen, Leichenschändungen, Vergewaltigungen, Hinrichtungen und Kriegstribunale in Einzelszenen hervorhebt, richtet er seinen Blick auf die Opfer des Krieges. Die Chapman-Brüder übermalen in einem späteren Schritt Originalgraphiken mit Clown-und Mäusemasken und vermischen einmal mehr ambivalente Bildinhalte.

Hieronymos Bosch

 Nebst der offenkundigen Addaption von Los Desastros de la Guerra von Goya teilen die Brüder eine weitere gemeinsame Faszination für einen alten Meister: Es sind dies die Bilderwelten des Niederländers Hieronymos Bosch. Zwar kann hier nicht, wie bei der Werkgruppe von Desasters of War, von einer direkten künstlerlischen Aneignung gesprochen werden, doch können einzelne Arbeiten auf die Formensprache des Niederländers rückgeführt werden. Die Vorliebe für politische Themen, Mischwesen, Mutationen und Körperöffnungen ist bei Bosch und den Chapman Brüder vorhanden. Gerade in der Arbeit The Fucking Hell können Verbindungslinien zu den Kriegs- und Fegefeuerdarstellungen von Bosch gezogen werden. Wie viel Gewicht der Beinflussung durch Gemälde Boschs angerechtet werden soll, kann nicht beurteilt werden, zudem die Chapmans offensichtlich weit mehr ihrer Imagination aus dem zeitgenössichen, filmischen Horrorgenre schöpfen.

Hitchcock und Zombie Lake

 Als bekennende Horror- und Splatterfans müssen ihre Arbeiten in Zuge einer Adaption eben jenes Genres betrachtet werden. „The first horror movie we saw was the birds.“14 Das Unheimliche dieses Hitchcock Films findet seinen Weg in die Dioramen in Form von schwarzen Raben, Mischwesen, Raben mit Menschenköpfen und andere dem Horrorgenre entlehnte Formen (Abb.9). Den Aussagen der Künster sollte nicht immer einen zu hohen Wahrheitsgehalt beigemessen werden, doch wenn sie im Zuge ihrer Ausstellung Bad Art for Bad People davon sprechen, dass das Horrorgenre, im besonderen im Bezug auf Werkgruppen wie The Fucking Hell eine immanente Entschlüsselung zum Verständins des Werkes ist, sollte man ihnen Glauben schenken. „We´re begging for people that thats how it comes from and that´s how it should be read.“15 Gesprochen wird bezüglich der Nazifiguration in The Fucking Hell über den Horrofilm Zombie Lake (Abb.10). Ein Zombiehorrorfilm der im französischen Original Le Lac des Morts Vivants 1981 auf den Markt kam. In einem kleinen Dorf in Frankreich wurden deutsche Nationalsozialisten im Zuge des französischen Wiederstandes ermordet und in einen See versenkt. In Folge mutieren die Soldaten des dritten Reiches zu Zombies um in den 80er Jahren als Halbtote nachkte, badende Frauen zu erschrecken. Die Zombiefiguren ausLe Lac des Morts Vivants haben als Anregung für die Soldaten figuren der Chapman gedient.Ähnlich wie die kleinen Spielzeugsoldaten sind auch sie mit roter Kunstblutfarbe befleckt. Zombie Lake ist selbst von Horrorfilm-Fans als einer der schlechtesten Filme kritisiert worden. Gerade deswegen findet er ein grosse Anhängerschaft; ein Kult des schlechten Horrosfilms schlechthin. Hierbei geht es nicht mehr um einen düsteren, spannungsgeladen Film wie bei Hitckcock, sondern um den englischen Ausdruck „Trash-Movie“ oder „Video-Nasty“16. Der Moment des humoristisch Schlechten wird dabei ausgenützt. Man lacht über die Absurdität der gesamten Filmausstattung und dessen Verlauf. Genauso wie der absurde Humor ein Schlüssel für jene Filme ist, ist er es auch für die Werke der Chapmans. Sie zehren genau von jener Absurdität der Welt, in der der Voyeurismus für das Abscheuliche komisch zu werden droht.

Rotten.com

Die wohl bekannteste Internetplattform für jenen abscheulichen Voyeurismus, dem den Userzahlen zufolge eine gewisse Faszination zu Grunde liegt, ist Rotten.com; den Chapmans wohl bekannt. Auch sie liegen dieser Faszinaton zugrunde und nutzen das Angebot von Rotten.com. 1996 wurde Rotten als eine amerikanische Website gegründet. Als ein Archiv für abscheuliche und zerstörende Bilder erhält Rotten.com um die 15 Millionen Klicks täglich, das ist mehr als die New York Times. Zu Sehen sind reale Bilder von Todesfällen, verstümmelten Kriegsleichen, Opfer von Massakern, Krankheiten, geglückte und missglückte Suizidversuche, menschliche Perversionen und alles was sonst noch schockieren könnte. Die Betreiber bezeugen dabei die Echtheit der Bilder. DailyRotten.com, das dazugehörige Nachrichtenportal, „news you cannot possibily use“, trägt Meldungen von Nachrichtendiensten zusammen. Man kann es Abscheulich finden, man kann es Absurd finden, man kann eine gewisse menschliche Perversion darin finden, doch muss man sich am Ende bewusst sein, dass Gewalttaten in dem Aussmass wie sie auf Rotten.com präsentiert werdem, tatsächlich stattfinden.

 McDonalds der Feind

 Das gefrässige Zerstückeln und Wiederkauen von Tatsachen macht nicht vor den politischen und ökonomischen Verhältnissen stop. In der Arbeit Rhizome (Abb.11) wird der 1948 gegründete Fast Food Konzern McDonalds, der wie CocaCola oder Johnson & Johnson für die Verwestlichung des Globuses und die damit einhergehenden negativ Effekte der Globalisation steht, Thema von Jake und Dinos. McDonalds „einer der erfolgreichsten Kommerzviren, die der moderne Kapitalimus Hervorgebracht hat“17, wird hier in Form eines von Menschen verlassen Restaurant Komplexes dargestellt. Das Kinderlachen auf den Schaukeln ist einer ungeheuren Stille gewichen und evoziert so den Niedergang eines Konzernes. Doch wer weiss, ob es nicht einfach 6 Uhr in der früh ist, und die ersten Gäste in ihren Miniaturautos gleich anrollen werden. Was im Falle von Rhizome noch nicht eindeutig als eine Kritik an dem Konzern gelesen werden kann, wird in The Fucking Hell deutlich. In den Schuttteilen der zerstörten römisch-antiken Tempelarchitektr lässt sich das Banner des McDonalds-Restaurant als Kapputes ausfinding machen (Abb.12). Ob die Schweinemenschen sich an dem Konzern rächen oder ob es nur Zufall ist, dass das lebendiggewordene Tierfleisch in die Nähe des Fast Food Produzenten gerückt ist, sei dahingestellt. Die Korporation von Schweinen an sich macht nur einmal mehr deutlich, wie die Chapam-Brüder in ihrer künsterlischen Arbeit verfahren.

Zur Reflexion des Historischen bei den Chapman Brothers

Wir haben gesehen, dass, dass The Fucking Hell keine historische Schlachtendarstellung sein will. Halbtote Menschenskelette, Raben mit Menschenköpfen und Zygoten bevölkern das Werk. Dennoch soll davon ausgegangen werden, dass den Arbeiten der Chapmans ein gewisses kritisches und poltisches Potenzial zugesprochen werden kann und diese als Beitrag eines ernsthaften gesellschaftlichen Diskurs gelesen werden können. Wie unterscheidet sich nun aber die scheinbar wahlose Aneinanderhäufung von Repetoirfiguren des Bösen von den Produkten derer sich die Chapmans bedienen? Es soll aufgezeigt werden, wie sich die Künstler die Funktionsweise des Modellbaues aneignen um so ein Geschichtsverständniss zu vermitteln, dass von einer Ohnmacht geprägt ist.

So zitiert James Hall einen Modellbauer: „Das Aufstellen von Dioramen ist eine schöpferische Tätigkeit, bei der jeder Sammler seiner Phantasie freien Lauf lassen kann [] mit einem Lötkolben lässt sich jede Figur leicht umändern und neu gestalten. Gliedmassen und Waffen können entfernt und Zugefügt werden []. Für die Aufstellung der Schlacht bei Murten fehlten mir solche von Toten und Verwundeten. Ich beschaffte sie mir, indem ich Figuren von Otto Gottstein entsprechend abänderte. So lagen denn im grossen Diorama Assyrer und Babylonier einträchtig und unerkannt zusammen mit den gefallenen Burgundern und Eidgenossen auf dem Schlachfeld.“18 Wie die Dioramas in den Armeemuseen dürfen auch die Dioramas der Chapmann Brüder nicht als ein Abbild der Wirklichkeit gelesen werden. Wenn in der Schlacht bei Murten Assyrer und Babylonier auf dem Feld liegen und so nur für den Kenner die historische Realität verzerren, so ist die Geschichtsschreibung der Chapmans offensichlich eine anachronistische. Auf der Insel Dr. Moron, einer fiktive Insel, deren Namensgebung auf ein Computerspiel des Hauses Looney Tunes zurückgeht, sonnt sich der Physiker Stephen Hawkins. In der Dioramalandschaft lebt Stephen Hawkins in einer Gleichzeitigkeit gemeinsam neben Adolf Hitler, Anne Franck, und dem Konzern McDonalds. Jene Verfahrensweise der Verzerrung von Realität nutzen die Chapman-Brüder um der linearen, in den Ereignissen von einander entkoppelten Geschichtsschreibung einen Gesamtkomplex der Evolution in seinen Wiederholungen entgegenzustellen. So erklärt dann Jake Chapmann den Christen die Dinosaurier, in dem er deren Fossile vorkommen, als Beweislage für den Atheismus interpretiert und überhaupt semi-wissenschaftlich, zynisch den Darwinismus am Standort Gallapagos demonstriert.19 „Im Jahr 1999 empfingden die Hanseln 66000 Hanseln, die Lust hatten, Mutter Natur ohne penetrierende Störung zu beseitigen, in koketten Verhaltensmuster des Kolonie Harems zu verstricken und die erklärten, dass die blut-roten Räuberinstinkte des Homo sapiens in Wahrheit ein Surrogat einer wohlwollenden und utpoischen scopophilie sind, die uns vererbt worden ist von den Trophäen philantrophischer Viktorianer, deren ertragreiche Neugier und Malaria-erhitze Körper alles schossen und epidemieartig katalogisierten, was zu Tode bluten konnte, und damit demonstrieren, dass, wenn „…, das (Wenn denn) die Evolution sich tasächlich entwickelt, die Kalibrieung ihres Entfaltungsprozesses eine autokratisierene Schuld ist – ein Anhäufung all jener Übergriffe, die das Getsetz nukleieren, der völkermordende Algorhytmus, der auf die Liste der Ausrottungen gebrannt ist, die notwendig sind für den Aufstieg und die moralische Erhöung zur Erlangung Schwindel erregender Reue für vergangene Verbrechen und optimistische Mutmassung für kommende.“20

 Mit diesem Geschichtsbild, dass Ein sich wiederholendes ist, können wir nun auch besser verstehen, wieso das änfänglich absurd wirkende Gemisch innerhalb der Dioramen, ein Berchtigtes ist. Denn es wir der „völkermordene Algorhytmus“ dargestellt. Dieser wird aus verschiedenen Perspektiven [Stichwort: Diorama] beleuchtet und folgt daher keiner linearen Logik, sondern bedient sich der anachronistischen Geschichtsschreibung und des kanibalen Kanibalismus. Der Begriff Böse heute, als einen für „das Barbarische, die Gewalt, die Realitätszerstörung, aber neuerdigs auch für das Chaos, den Zufall, die Entropie, die undurchschaubare und unberechenbare Komplexität“ hat nach Safranski aufgehört nur noch ein moralischer zu sein.21 Die beunruhigenden, teils unerklärlichen Phänomene gerieten wieder in eine moralische aber auch in eine religiöse Perspektive. Durch die Vielschichtigkeit in der Arbeit The Fucking Hell wird geradezu diese undurchschaubare und unberechenbare Komplexität des Bösen in der Gegenwart in verschiedenen, teil humoristischen, teils verzweifelten Momenten greifbar gemacht. So sagen die Künstler dann auch, dass die nicht wissen können, wie ein jeniger auf deren Werk reagiert, da jeder andere Assozationen in sich beim betrachten aus den verschiedenen Blickwinkeln hervorrufen wird.

1Liessmann, 1997. S.7 / 2Liessmann, 1997. S.8 / 3Ausst. Kat. Memento Meronika. / 4 Sagmeister 2005 / 5 Safranski, 1997. S.24/ 6 Van Twist, Kees. Schonungslos und gewissenhaf, in: Enjoy More. Jake and Dinos Chapman. Kat. Ausst. Groninger Museum, Groningen / Museum Kunst Palast Düsseldorf, Köln 2002 / 7Sagmeister, Rudolf. „Sex“ und „Tod“, in: Ausst. Kat. Schneider, Eckhardt (Hrsg.). Jake and Dinos Chapman. Kunsthaus Bregenz, 2005. S. / 8Schneider, Eckhardt, The Aim of Life is Deeath, in:Ausst. Kat. Schneider, Eckhardt (Hrsg.). Jake and Dinos Chapman. Kunsthaus Bregenz, 2005. S.3. / 9Hagen 2006/ 10Roosa Greenstret., Interview mit Jake Chapman, in: The Guardian Online, 2008. URL: http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/2008/oct/11/jake-chapman / 11Hagen 2006 / 12Fucking Hell by Jake and Dinos Chapman, auf: Youtube 2009, URL: http://www.youtube.com/watch?v=md5uTCI8IuI / 13Chapman 2009. From Hell to Hel. Audio CD, / 14Kermode 2008, Online-VIdeo-Ressource / 15„Archive of disturbing illustration“Kermode 2004. Video-Ressource./ 16Kermode 2004. Video Ressource. / 17Hall 2005, S.11. / 18Kohlbrunner, Curt F., Zinnfiguren, Zinnsoldaten, Zinngeschichten, München 1979, S.61. / 19Chapman 2005, in: / 20Chapman 2005, S. 19. / 21Safranski 1997. S. 17

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